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Friedrich Nietzsches Analyse der geschichtlichen Rolle der Priesterschaft in "Zur Genealogie der Moral"
Manuel Knoll: Friedrich Nietzsches Analyse der geschichtlichen Rolle der Priesterschaft in „Zur Genealogie der Moral“


1. Einleitung

Nietzsches Streitschrift Zur Genealogie der Moral bemüht sich um eine "wirkliche Historie" der Moral, insbesondere der christlichen Moral. Durch dieses Unterfangen bekämpft Nietzsche auch die theologische Auffassung, die Moral primär als überhistorisches Phänomen mit letztlich transzendentem Ursprung begreift. Dagegen versucht er zu zeigen, daß die Moral, die Herkunft des Guten und Bösen, restlos aus innerweltlichen Lebenszusammenhängen hergeleitet werden kann. Seine genealogische Methode versucht die geschichtliche Entstehung und Verwandlung der moralischen Werte aufzuweisen und deren Wert oder Unwert für das menschliche Leben zu kritisieren. Dabei grenzt er sich explizit in abwertender Weise von den englischen Psychologen ab, die sich bereits an einer Entstehungsgeschichte der Moral versucht hatten. Neben der genealogischen Methode läßt sich in Nietzsches Streitschrift auch eine mit ihr verknüpfte "physiologische Methode" aufweisen. Diese bemüht sich um eine physiologische Beleuchtung und Ausdeutung der Geschichte der Moral und der moralischen Werte.
Als philosophischer Unterbau der Genealogie der Moral muß auch Nietzsches Lehre vom Willen zur Macht erwähnt werden, mit der sein philosophisches Prinzip der Interpretation in unlöslichem Zusammenhang steht. Nietzsche selbst bezeichnet in seiner Streitschrift die "Theorie eines in allem Geschehen sich abspielenden Machtwillens" als den "Hauptgesichtspunkt der historischen Methodik". In einem Nachlaßfragment, das kurz vor der Veröffentlichung der Genealogie der Moral entstanden ist, bringt Nietzsche den Zusammenhang von Macht und Interpretation auf die Kurzformel: "Der Wille zur Macht interpretiert". Sein ist für Nietzsche Auslegungsgeschehen, in dem ein Neuinterpretieren oder Umwerten von etwas immer auch eine Bemächtigung dieses etwas von seiten der interpretierenden oder wertenden Macht darstellt. Historisch konkretisieren läßt sich dies anhand des Machtwillens der jüdischen und christlichen asketischen Priesterkaste in ihrem Kampf mit den ursprünglich dominierenden Kriegerkasten. Das Hauptmittel der Priester in diesem Kampf ist nämlich, wie im folgenden zu zeigen sein wird, die Neuinterpretation und Umwertung der vornehmen "Herrenmoral" der Krieger zu einer von ihr neu geschaffenen "Sklaven- bzw. Herdenmoral". Das im Abendland seit fast zwei Jahrtausenden vorherrschende Christentum dokumentiert den Sieg der Sklavenmoral. Nietzsche versucht zu erklären, wie es denn möglich war, daß trotz scheinbar so ungleicher Ausgangsbedingungen die Trägerschaft der Sklavenmoral einen so durchschlagenden Sieg über ihren Widerpart erringen konnte.

2. Kriegerkaste und jüdische Priesterkaste

Für Nietzsche steht am Beginn der europäischen Kulturentwicklung die Spaltung der herrschenden Klasse in eine Krieger- und eine Priesterkaste. Die Kriegerkaste betrachtet er als die historisch ältere und als die ursprünglich allein herrschende Klasse. Sie ist durch eine mächtige Leiblichkeit und durch eine überschäumende Gesundheit ausgezeichnet. Die Krieger fühlen sich als die Vornehmen, die Glücklichen und die Guten. Auf der Basis dieser Selbst- und Lebensbejahung entwickelt sich auch ihre aristokratische und janusköpfige Herrenmoral. Nietzsche beschreibt die Werte der Krieger in ihrem Verhalten zueinander als Rücksicht, Selbstbeherrschung, Zartsinn, Treue, Stolz und Freundschaft. Dagegen charakterisiert er sie in ihrem Verhalten gegenüber Fremden und Unterworfenen als nicht viel besser als losgelassene Raubtiere. Die herrschenden Krieger blicken zu den von ihnen Unterworfenen herab und grenzen sich von diesen aus ihrem spontanen Vorranggefühl, dem "Pathos der Distanz", ab. Diese Distanz spiegelt sich auch in den von ihnen gebildeten Begriffen "gut und schlecht" wieder. Die Kriegerkaste empfindet sich selbst als gut, die ihnen Unterworfenen als schlecht.
Die Mitglieder der sich langsam ausbildenden Priesterkaste stammen aus der Masse der Unterworfenen, die Nietzsche in erster Linie als Leidende begreift. Zum einen leiden sie unter der Herrschaft der Kriegerkaste. Zum anderen sieht Nietzsche eine Ursache des Leidens der Unterworfenen in einem physiologischen Hemmungsgefühl, das von Zeit zu Zeit über breite Massen Herr wird, aber nicht als solches erkannt wird. Auch die erzwungene Unterdrückung der Triebe und Instinkte in den frühen, von der Kriegerkaste gewaltsam gebildeten Zwangsgesellschaften führt zu Leiden. Sie begünstigt aber bei einem Teil der Ohnmächtigen und Unterworfenen die Ausbildung der intellektuellen Fähigkeiten und somit auch die Ausbildung einer Priesterkaste. Der sich unter diesen Bedingungen entwickelnde Intellektualisierungsprozeß verläuft also nicht synchron in allen Gesellschaftsschichten, sondern verschafft den Priestern als dessen Hauptträgern einen Vorteil gegenüber der stärker instinktgeleiteten Kriegerkaste und den anderen Unterworfenen. Bei den dem Handeln abgewendeten, brütenden Priestern entwickelt sich in der Folge ein ungesunder Reinlichkeitsfanatismus und eine ungesunde Körperbeziehung. Als selbst Leidende und Kranke sind sie den anderen Leidenden, physiologisch Verunglückten und Kranken verwandt. Sie zeichnen sich aber diesen gegenüber durch ihre größere Stärke, ihren größeren Machtwillen und ihre größere Klugheit und List aus. Durch diese Vorzüge und durch ihre Verwandtschaft mit den anderen Leidenden sind sie dazu prädestiniert, über diese zu herrschen, ihr Leiden zu lindern und sie zu organisieren. Dabei kommt ihnen der Herdeninstinkt der Schwachen entgegen. Aufgrund dieser Machtbasis gelingt es der Priesterkaste, von der Kriegerkaste an der gesellschaftlichen Macht beteiligt zu werden und zu einer priesterlichen Aristokratie aufzusteigen.
Die Priester teilen den Neid, den Haß und die Rachegelüste, kurz das Ressentiment der anderen Unterworfenen gegenüber der Kriegerkaste. Das einzige Mittel der Priesterkaste, um die Macht der Kriegerkaste zu brechen, gegen sie Krieg zu führen und sich ihrer zu bemächtigen, ist ihr Geist. Diesen benutzen sie dazu, um die vornehme Moral der Krieger umzuwerten bzw. sie einer entgegengesetzten Interpretation zu unterwerfen. Ist für die Krieger das Töten, Berauben und Vergewaltigen der Unterworfenen selbstverständlich, so gibt der neu erfundene Gott dem jüdischen Priester Moses die Gebote: "Du sollst nicht töten, stehlen und begehren deines Nächsten Weib, Haus, Acker, Esel...". Betrachten sich die Krieger als die Guten und die Gottgeliebten, so heißt die Umwertung der jüdischen Priesterschaft: "Die Schwachen und die Ohnmächtigen sind allein die Guten und die Gottgeliebten, dagegen die Starken und die Vornehmen sind die Bösen und die Gottlosen". Der vorherrschende Wertgegensatz der Krieger "gut und schlecht" wird somit von den Priestern zu dem neuen Wertgegensatz "gut und böse" umgewertet bzw. uminterpretiert. Während für Nietzsche die vornehme Herrenmoral aus der Selbstaffirmation herauswächst, benötigen die Ressentimentmenschen für ihre rein reaktive Slaven- bzw. Herdenmoral erst ein bereits vorhandenes Gegenbild. Somit wird der Gegensatz der Werte der Herrenmoral zu den neuen Werten der Slavenmoral. Doch wie ist das Verhältnis der positiven Werte der vornehmen Herrenmoral, also Rücksicht, Selbstbeherrschung, Zartsinn, Treue u.s.w. inter pares, zur Slavenmoral? Diese Werte sind der neuen Moral doch nicht diametral entgegengesetzt. Gibt es also neben der behaupteten radikalen Umwertung nicht auch eine gewisse moralische Kontinuität? Werden nicht einige der aristokratischen Werte im Verlauf der Geschichte von allen Menschen gefordert? Nietzsche beurteilt die aristokratischen Werte doch positiv. Also kritisiert er auch nicht Moral schlechthin. Andererseits versucht er die Geltung der jüdisch-christlichen Werte zu bestreiten und ihren Unwert für das Leben aufzuzeigen. Wird diese Kritik beeinträchtigt, wenn sich eine gewisse moralische Kontinuität aufzeigen läßt? Oder verurteilt Nietzsche nur, was höchstwahrscheinlich ist, daß seit dem Sieg des Christentums einige der positiven aristokratischen Werte auch zwischen Menschen gefordert werden, deren Rangunterschiede für ihn ein Pathos der Distanz rechtfertigen?

3. Die christliche Priesterkaste

Die Machtstrategie, die der Umwertung der jüdischen Ressentimentpriester zugrunde liegt, besteht darin, die eigene Schwäche als verdienstvoll hinzustellen, den Starken ein schlechtes Gewissen einzuimpfen und sie in ihrem Sein und Tun zu verunsichern. Der historisch durchschlagende Sieg der Schwachen und der Leidenden stellt sich für Nietzsche aber erst in der Folge der Reinterpretation der jüdischen Werte und des jüdischen Gottes durch das Christentum ein. Im Christentum erfährt das Leiden seine letzte große, für das Abendland wirkungsmächtige Auslegung, wobei wesentliche Elemente aus dem Judentum übernommen werden. Wesentliche Neu- bzw. Reinterpretationen sind die Motive von Schuld, Erbsünde und schlechtem Gewissen (Schuldbewußtsein). Nietzsches Genealogie dieser Phänomene bzw. priesterlichen Interpretationen soll im folgenden kurz beleuchtet werden.
Die entscheidende Leistung des Christentums besteht für Nietzsche darin, das Leiden der Menschen auszulegen und ihm so einen Sinn zu geben. Diese Auslegung bringt alles Leiden unter die Perspektive der Schuld. Die Schuld des Menschen gegenüber Gott ist Folge der Sündhaftigkeit des Menschen, insbesondere die Folge des Sündenfalls von Adam und Eva, der dann von Paulus als Erbsünde interpretiert wird. Nietzsche versucht zu zeigen, daß die Herkunft des moralischen Hauptbegriffs der Schuld auf den materiellen Begriff Schulden zurückgeht. Ursprünglich entstammt er also rein irdischen Lebensverhältnissen, wie dem Äquivalententausch, dem Handel, Vertragsverhältnissen, Kauf und Verkauf, in denen es zentral um materielle Schuldverhältnisse geht. Aus dieser Sphäre wurde er dann im Zuge einer bewegten Interpretationsgeschichte durch die Interpretationskünste der asketischen Priesterschaft in den religiösen Kontext eingegliedert. Die letzte Station dieser Interpretationsgeschichte ist dann die Opferung Jesu bzw. Gottes für die Schuld der Menschen. Ebenso ist Sündhaftigkeit für Nietzsche kein Tatbestand am Menschen, sondern die Interpretation eines anderen Tatbestands, nämlich einer physiologischen Verstimmung, unter moralisch-religiöser Perspektive.
Auch die Herkunft des schlechten Gewissens bzw. des Schuldbewußtseins leitet Nietzsche aus rein irdischen Lebensverhältnissen ab. Das schlechte Gewissen ist für ihn natürlich nicht die Stimme Gottes im Menschen, sondern der Instinkt der Grausamkeit bzw. die menschliche Aggressivität, die sich rückwärts gegen die Menschen selbst wendet, nachdem sie sie nicht mehr nach außen hin entladen können. Insofern entsteht das schlechte Gewissen zeitgleich mit den frühen und von der Kriegerkaste gewaltsam gebildeten Zwangsgesellschaften und stellt das Resultat der erzwungen Instinkt- und Triebrepression bei den Unterworfenen dar. Das schlechte Gewissen war also schon lange im Menschen vorhanden, bevor die Priester es als Sünde und als Schuldbewußtsein auslegten. Durch diese Auslegung gelingt es den Priestern auch, mit dem Haß, Neid und den Rachegelüsten, kurz dem Ressentiment ihrer leidenden Herde fertig zu werden. Indem die Priester die Leidenden und Kranken davon überzeugen, daß die Ursache ihres Leidens in ihrer Schuld gegenüber Gott als Folge ihrer Sündhaftigkeit zu finden ist, gelingt ihnen die Rückwendung des Ressentiments der Leidenden auf sich selbst. Die Priester legen den Leidenden nämlich nahe, ihr Leiden als einen durch ihre Schuld gerechtfertigten Strafzustand zu verstehen und vermögen es sogar, bei ihnen ein zusätzliches Bedürfnis nach Strafe zu wecken. Dadurch, daß die schuldbewußten Leidenden ihr Ressentiment gegen sich selbst wenden, wird die Autoaggression ihres Gewissens zwar noch deutlich verstärkt. Die Wendung der Lust am Leidenmachen und an der Grausamkeit auf sich selbst erlaubt es den Leidenden aber auch, ihr ursprünglich quälendes Leiden und Ressentiment lustvoll leidend zu überwinden. Zur praktischen Durchführung dieses masochistischen Unterfangens erfinden sich die Gläubigen in der Folge eine Vielzahl von Bußübungen und Selbstgeißelungen, bei denen sie sich lustvoll Schmerz und Entbehrungen auferlegen und die es ihnen ermöglichen, sich zu bestrafen und ihr sündiges Fleisch und ihre lasterhaften Begierden planvoll abzutöten. Die verhängnisvollen Folgen dieser Entwicklung sieht Nietzsche darin, daß die priesterlichen Remedien nicht wirklich heilen, sondern die Kranken nur noch kränker machen und sich die Gesundheit der Europäer in der Folge sukzessive verschlechtert.

4. Das asketische Ideal

Den Priestern, die als Mittler zwischen Gott und den Menschen auftreten, gelingt es durch ihre Interpretationskünste nicht nur, das Leiden der Kranken zu lindern, sie zu trösten und ihrem Leben wieder Sinn zu geben. Sie wecken in ihnen auch Hoffnungen nach dem ewigen Leben und dem kommenden Reich Gottes. Das ganze konsistente Interpretationssystem der Priesterkaste bezeichnet Nietzsche mit dem Begriff des asketischen Ideals. Dessen drei große Prunkworte sind Armut, Keuschheit und Demut. Das asketische Ideal entwertet die diesseitige, sinnliche Welt und das diesseitige Leben dadurch, daß es diese zu dem fiktiven Bezugspunktpunkt einer jenseitigen, "höheren" Welt und einem jenseitigen Leben in Beziehung setzt. Diese radikale Neuauslegung und Umwertung des Lebens entspringt für Nietzsche dem Machtwillen, dem Leiden, dem Ressentiment und der geistigen List der Priesterschaft.
Die Bedeutung des asketischen Ideals für die lebensmüden Leidenden und die degenerierten Kranken sieht Nietzsche darin, daß sie durch dieses im Leben festgehalten werden. Die Priesterschaft vermag sich selbst und den anderen Leidenden das Leben durch das asketische Ideal unter ihren drückenden Existenzbedingungen wieder erträglich zu machen. Die Bedeutung des asketischen Ideals bei Priestern sieht Nietzsche darin, daß es ihren eigentlichen Priesterglauben darstellt und vor allem ihr bestes Werkzeug ist, selbst zur Macht zu gelangen. Diese Macht erlangen sie zuerst über die anderen Leidenden und Kranken, später auch über die einstweilen noch gesund geblieben vornehmen Kriegerkasten. Dem Christentum gelingt es im Verlauf der Geschichte, konkurrierende Auslegungen des Lebens, wie den römischen Götterglauben und die antiken Mysterienkulte zu verdrängen und durch Kaiser Theodosius zur offiziellen römischen Staatsreligion erhoben zu werden. Dadurch erlangt das asketische Ideal für lange Zeit das abendländische Interpretationsmonopol von Welt und Leben. Insofern ist auch der historische Sieg der Sklavenmoral etwa um diese Zeit zu datieren. Im Machtkampf zwischen Herren- und Sklavenmoral sind die Priester ihren Widersachern klar überlegen, da diese der geistigen Macht der priesterlichen Interpretation keine nennenswerte Auslegung einer an sich sinnlosen Welt entgegensetzen können. Der menschliche Wille strebt für Nietzsche immer nach einem Sinn und einer Auslegung des Leidens und der Welt. Insofern bedeutet letztlich der Sieg des asketischen Ideals, das für Nietzsche einem Willen zum Nichts, einem Widerwillen gegen das Leben schlechthin gleichkommt, daß der Mensch lieber das Nichts will, als gar nicht zu wollen.
Was sind Nietzsches wesentliche Einwände gegen das asketische Ideal und die christliche Moral? Wie begründet Nietzsche deren Unwert für das Leben? Zweifellos stellt sie für ihn einen Widerwillen gegen das Leben in seinen wesentlichen Aspekten dar. Er betrachtet sie als die haßerfüllte Verneinung der Vergänglichkeit, des Menschlichen, der Sinnlichkeit, der Körperlichkeit, der Triebe und Instinkte und von vielem mehr. Nietzsche kritisiert, daß durch die Verbreitung der christlichen moralischen Werte, wie Gleichheit, Mitleid, Askese und des Wertes des Unegoistischen, die er als lebensverneinend betrachtet, die ehemals Gesunden, die Vornehmen, Starken etc. auch von der verbreiteten Krankhaftigkeit und dem Leiden angesteckt werden. Die Folge davon sieht er im großen Ekel am Menschen und im großen Mitleid mit dem Menschen, der von der Kultur zu einem domestizierten Haustier herangezüchtet wird. Aus seiner aristokratischen Grundhaltung verurteilt Nietzsche, daß die in seinen Augen höherwertigen und ranghöheren Menschen, die er als die Garanten der menschlichen Zukunft ansieht, durch die Gleichheitsbetrebungen der Ressentimentmenschen zu Werkzeugen des Niedrigeren herabgewürdigt werden. Dieser Prozeß vollendet sich für ihn dadurch, daß die demokratische und die sozialistische Bewegung die Erbschaft der christlichen antreten.
Mag Nietzsches Unterstellung des priesterlichen Ressentiments eine zutreffende Entstehungsbedingung für die Sklavenmoral sein, so verallgemeinert er zweifellos das Besondere, wenn er behauptet, daß alle Gleichheits- und Gerechtigkeitsbestrebungen ihre Wurzel im Ressentiment haben. Diese Tendenz zur ideologischen Verallgemeinerung des Besonderen findet sich bei Nietzsche häufiger. So schließt er beispielsweise aus der Tatsache, daß die Skaverei in der Antike die Grundlage der Kultur war, darauf, daß jede Form von Kultur Sklaverei nötig hat. Ein weiteres Beispiel für diesen Kritikpunkt wäre Nietzsches Lehre des Willens zur Macht. Nietzsche schließt nämlich auch hier aus der Tatsache, daß die menschliche Geschichte reich an Machtkämpfen ist - insbesondere ist die Epoche des Imperialismus zu erwähnen, in die sein eigenes Schaffen fällt - darauf, daß das Sein der ganzen Welt der Wille zur Macht ist. Führt man sich vor Augen, daß die Auslegung der Natur als Wille zur Macht ein offenkundiger Antrophomorphismus ist, wird man sich zweifellos der Schwächen solcher Verallgemeinerungen bewußt.
Nietzsche bezeichnet seine Genealogie der Moral selbst als Streitschrift. Der Gegner dieses Streits, gegen den Nietzsche zum Kampf aufruft, ist natürlich das asketische Ideal. Nietzsche fragt, ob das gegnerische Ideal in der modernen Wissenschaft zu finden ist. Er verneint diese Frage, da er die Wissenschaft selbst als die jüngste und vornehmste Form des asketischen Ideals begreift. Dies begründet er damit, daß die Voraussetzung der Wissenschaft ihr Glaube an den Wert der Wahrheit ist, was für ihn dem Glauben an das asketische Ideal gleichkommt. Nietzsche sieht nämlich die Wurzel des Willens zur Wahrheit im moralischen Willen zur Wahrhaftigkeit bzw. im moralischen Willen nicht zu täuschen. Der moralische Wille zur Wahrhaftigkeit ist letztlich wieder der Ausdruck des Willens zur Macht der Schwachen und Leidenden. Der Glaube an den Wert der Wahrheit, den Nietzsche erstmals in Frage stellt, ist für ihn aufs engste mit der Existenz Gottes verknüpft, die von den Christen als die Wahrheit, im Sinne der absoluten Offenbarungswahrheit, postuliert wird. Aus dem christlichen Wahrheitsbegriff leitet sich die ethische Forderung der Wahrheitsliebe ab, d.h. die Forderung, gemäß den in Offenbarung und Glauben begründeten und deshalb "wahren" sittlich-religiösen Normen zu leben (Wahrhaftigkeit). Da das Leben für Nietzsche aber auf Irrtum, Betrug und Verstellung angelegt ist, verneint der wissenschaftliche Wille zur Wahrheit das Leben und die diesseitige Welt und bejaht folglich wie das asketische Ideal eine andere fiktive Welt.
Letztlich ist Nietzsches Selbstverständnis, daß er allein ein Gegenideal zum asketischen Ideal aufgestellt hat. Dieses läßt er durch die von ihm geschaffene Figur des Zarathustra, den Lehrer des Übermenschen und der Lehre der Ewigen Wiederkunft des Gleichen verkünden. Neben den obengenannten Einwänden, die Nietzsche gegen das asketische Ideal und die christliche Moral vorbringt und die für ihn für sich genommen schon den Kampf gegen das asketische Ideal rechtfertigen, sieht Nietzsche noch eine weitere Notwendigkeit, ein Gegenideal aufzustellen. Diese Notwendigkeit ergibt sich für ihn aus dem heraufkommenden Nihilismus, also aus der Entwertung der obersten abendländischen Werte. Diese Bewegung ist für Nietzsche die notwendige Folge der christlichen Zucht zur Wahrhaftigkeit und zur Wahrheit, die er auch in sich selbst als wirkungsmächtige Triebkraft anerkennt. Der christliche Wert der Wahrhaftigkeit und der Wahrheitsliebe treibt nämlich dazu, den christlichen Gott und das asketische Ideal zu hinterfragen und als Unwahrheit und Lüge zu durchschauen und letztlich auch den Willen zur Wahrheit in Frage zu stellen. Da für Nietzsche die Gültigkeit der christlichen Moral letzlich ihr Fundament in Gott und ihre Stütze in der religiösen Offenbarungswahrheit hat, ist seine Prognose, daß diese als Folge von Gottes Tod notwendig zugrunde gehen muß.
Diese Prognose kann so wenig überzeugen wie die Voraussetzung, die ihr zugrunde liegt. Die Gültigkeit der christlichen Moral hat nämlich nicht ihr unabdingbares Fundament in Gott und ihre unabdingbare Stütze in der religiösen Offenbahrungswahrheit. Zugestanden, nach christlichem Verständnis gibt Gott Moses die sechs moralischen Gebote und Jesus, in dem sich Gott offenbart, gibt durch sein Leben einen Maßstab, um menschliches Handeln ethisch zu bewerten. Andererseits begründet zum Beispiel die katholische Soziallehre die Moral durch das lumen naturale bzw. die Vernunft als menschlich allgemein einsehbar. Daneben gibt es auch in der Philosophie eine Vielzahl von Begründungs- und Fundierungsbetrebungen der Moral. Man denke zum Beispiel an Kants Kritik der praktischen Vernunft, womit nichts über die Plausibilität dieses Unterfangens gesagt sein soll. Zudem gibt es auch in anderen Kulturkreisen gültige und akzeptierte Moralvorstellungen, die den christlichen ähnlich sind und die kein göttliches Fundament benötigen.
Eine weitere Schwäche von Nietzsches Moralkritik findet sich darin, daß er anscheinend den normativen Geltungsanspruch der christlichen Moral dadurch widerlegt sieht, daß er dessen herrschaftsgeschichtliche Abstammung aufzeigt und die inneren und äußeren Gestehungskosten dieses Anspruchs entlarvt. Diese Verrechnung der Sphäre der Genesis gegen die Späre der Geltung ist keineswegs plausibel. Mag beispielsweise das Recht aus der Gewalt und der Herrschaft herausgewachsen sein, so ist und bleibt es trotz seiner Unvollkommenheit in vielen Beziehungen eine positive Errungenschaft. Für die Gültigkeit des Rechts und für die Gültigkeit der Moral lassen sich eine Vielzahl guter Gründe finden, die durchaus nicht widerlegt sind, wenn man auf deren Genese verweist. Abschließend ließe sich fragen, ob Nietzsches Kritik der jüdisch-christlichen Moral nicht selbst wieder als Ausdruck seines Ressentiments ihr gegenüber gedeutet werden kann.


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